Podiumsdiskussion

Das Heilungspotential nutzen

Gibt es Opfer und Täter? Ja und nein. Aber erstmal ja - und dann erst nein! Denn solange wir nicht sowohl die Opfer- als auch die Täter-Anteile unseres Menschseins voll bewusst erleben, solange der Täter nicht die Betroffenheit über den ausgelösten Schmerz mitfühlen kann, solange das Opfer unter Vermeidung des direkten Fühlens in Anklage und der tragisch-vergeblichen Abwehr von „es sollte nicht so sein!“ stecken bleibt, solange beide nicht beide Aspekte in sich und im jeweils anderen entdecken - solange verpassen wir es, genau darin zu erkennen, dass beide letztlich zusammenfallen zu einem ganzen SEIN und keine eigene, unabhängige Existenz haben. Solange bleibt die Behauptung, es gäbe Opfer und Täter nicht, nur ein abstraktes Konzept.

Betrachten wir es mit Ken Wilbers Modell der Entwicklung des Bewusstseins, könnten wir sagen: auf der Ebene des transrationalen (über die Vernunft hinausgehenden) Verstehens, wo die Einsicht, dass es kein Opfer und keinen Täter gibt, wirklich durchdrungen wird, verstehen wir auch die paradoxe Aussage, dass es sie zugleich sehr wohl gibt. Ohne die Kapazität, dieses Paradoxon zu ertragen, wird diese tiefgreifende spirituelle Einsicht einfach auf eine andere Stufe der Bewusstseinsentwicklung herunterkopiert. Dabei verflacht sie bis zu ignoranter Gleichgültigkeit und verpasst die Gelegenheit, das Leid als Zugang zu authentischer, wirklich eigener Erkenntnis zu nutzen.

Außerdem wird gerade in der Vermeidung des Schmerzes sowohl des Täters als auch des Opfers das Heilungspotential verfehlt und die Täterschaft zugleich mit der Opferrolle fortgesetzt. Denn sobald wir nur genau genug hinschauen, sehen wir mit Erschrecken, wie jeder Täter als Opfer beginnt und jedes Opfer zum Täter wird, wenn diese Rolle beibehalten wird (zumindest gegen sich selber wird das Opfer dabei offensichtlich zum Täter). Können wir aber dieses Erschrecken zulassen, hat das darin aufbrechende Mitgefühl die Kraft, uns aus der Gefangenschaft in diesen Rollen freizusetzen.

Bei der Frage nach Opfer und Täter sind wir auch schnell bei den Themen Schuld und Verantwortung versus schicksalhaftem Ausgeliefertsein oder „bin ich Handelnder und Gestalter meines Lebens oder geschieht Alles einfach unpersönlich“. Auch für diese Themenbereiche scheint mir eine differenziertere Betrachtung erforderlich, bzw. genau die oben erwähnte Fähigkeit, Doppeldeutigkeit ertragen zu können. Denn wenn wir auch dies auf verschiedenen Ebenen betrachten, wenn wir die absolute und die relative, die göttliche und die menschliche Seite unseres Seins mit einbeziehen, treffen wir immer wieder auf paradoxe Sichtweisen, die sehr leicht Verwechslungen erliegen. Es kommt entscheidend darauf an, welche Ebene wir gerade meinen: Das absolute ICH BIN, welches Alles IST und schöpft, oder unser kleines persönliches Ich mit seinen egozentrischen Ideen und Wünschen, das nur ein Staubkorn in der ganzen großen Weite des Universums ist.

Beide sind nicht voneinander getrennt, und doch wichtig auseinanderzuhalten. Sonst gibt es ein heilloses Durcheinander zwischen egomanischer Selbstvergötterung und falschverstandener „Hingabe“ in ohnmächtige Schicksalsergebenheit.

 

Padma Wolf

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