Podiumsdiskussion

Die Täuschung schlechthin

Wäre ich nicht zufällig Zen-Mönch geworden, dann würde ich wahrscheinlich nicht über den Dharma sprechen. Wahrscheinlich wäre ich dann ein Ganovenboss, der nicht mehr zu sagen hätte als „Ich nehme dir noch die Eingeweide raus, du Schweinehund!"
                                                        
Kodo Sawaki, ( 16. Juni 1880 - 21. Dezember 1965) war ein Zen-Meister des zwanzigsten Jahrhunderts in Japan.

Bei dieser Klarheit stört es mich nicht, dass dieser Mann Mönch war, sich täglich stundenlang die Haxen verrenkte und es anderen beibrachte. Nur diese beiden Sätze brauch ich von ihm zu hören oder zu lesen und ich weiß, mit wem ich zu tun habe.
Nämlich mit niemand.
  Wenn ich nicht jene 33jährige Christin gekannt hätte, als ich etwa 16 Jahre alt war, hätte auch ich womöglich eine kriminelle Karriere gemacht. So wie 95 Prozent der Zöglinge jenes Erziehungsheims, in das ich als Jugendlicher wegen „unbotmäßigen Verhaltens“ verbracht worden war. Sie war es, die mich zunächst mit den Werken von Bergengrün, Tolstoi, Dostojewski, Kafka und auch Siegmund Freud bekannt machte und dann, nach ihrer eigenen Bekehrung, schließlich auch mit der Bibel. Das war damals meine Rettung. Das brachte eine vollkommen andere Richtung in meinen Lebenslauf. Das war eine Wegkreuzung von entscheidender Bedeutung.
Etwa ein Jahr zuvor allerdings hatte sich die Dame selbst erst zu Christus bekehrt, was womöglich gar nicht geschehen wäre, hätte sie nicht (wiederum zuvor) eine Vorliebe für den ziemlich frühreifen Bengel Werner gehegt, die sich vor seinem Heimaufenthalt darin ausdrückte, dass sie ihn eines (wunder)schönen Abends im Wonnemonat Mai erst im Auto und dann auf der Wiese verführte. Wer kennt nicht  jenen Song von Peter Maffay, in dem er seine erste sexuelle Begegnung besingt:

Ich war 16 und sie 31
und über Liebe wusste ich nicht viel.
Sie wusste alles, und sie ließ mich spüren,
ich war kein Kind mehr,
Und es war Sommer...

Nun, ich war drei Jahre jünger als der bekannte Rocksänger, ein Kind war ich anschließend jedoch auch keines mehr. Die Dame war jedoch keine liederliche Asoziale, nein, ganz im Gegenteil, sie war eine Intellektuelle, hatte Germanistik studiert, war schon einige Jahre mit einem stadtbekannten Architekt verheiratet, hatte zwei kleine Kinder und lebte in durchaus gutbürgerlichen Kleinstadtverhältnissen.
Aber wer weiß, vielleicht hatte sie sich bittere Vorwürfe gemacht und sich mitschuldig gefühlt, als Werner anschließend außer Rand und Band geriert, so dass seine Mutter sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als dessen Vormund beim Jugendamt zu konsultieren, der nichts besseres zu tun wusste, als ihn ins Erziehungsheim zu stecken. Und diese Selbstvorwürfe haben sie womöglich in die Hände des virtuellen Sündenheilands getrieben, der schließlich dafür zuständig ist, „Missetaten“ zu vergeben.
Selbstanklagen wären allerdings gar nicht nötig gewesen, weil sie nicht nur eine überaus liebenswerte Dame war, sondern auch über die nötige Sensibilität verfügte, so dass der Junge, dem man früher als es staatlich legitimiert ist, die Unschuld nahm, mitnichten einen seelischen Schaden davon trug. Oder womöglich doch? Wer vermag das schon so genau zu sagen…
Es ist müßig darüber zu grübeln. Weit effizienter als den Therapeut zu besuchen, um Session für Session darüber zu quatschen, welche Ursachen zu welchen Ergebnissen führen, wäre die Überprüfung, inwieweit die mitwirkenden Personen überhaupt irgendwas taten.
Der Hass gegen die Mama oder den Papa, den Bruder oder die Schwester, den wie ein brünstiger Kater entlaufenen Partner, egal was dir Personen auch angetan haben, er verschwindet wie eine Gewitterwolke, wenn dir klar wird, wie die Dinge in Wahrheit laufen. Da musst du keine internen Programme verändern. Da musst du den Tätern, die dich zum Opfer machten, nicht mal vergeben.
Wenn du völlig durchnässt vom Regen nachhause kommst und nach einer heißen Dusche wieder in trockene Kleider gehüllt bist, kamst du da jemals auf die abwegige Idee, den Wolken zu vergeben, die schließlich schuld daran hatten, dass dir jetzt die Nase läuft und du mit ner dicken Erkältung auf dem Diwan liegst? Jeder, der dies de facto täte, sollte auf seinen Geisteszustand untersucht werden! Handelt es sich jedoch um Personen, meinen wir, sie in Schuldige und Unschuldige einteilen zu können, ja sogar zu müssen. In Böse und Gute - da mach ich noch mit. In Täter und Opfer - wegen mir auch. Aber in Handelnde und Nichthandelnde, bei diesem Spiel bin ich raus. Denn es beruht auf der Täuschung schlechthin. Und sie führt zu den Symptomen, die das Leben zur Hölle machen können: Selbstzerfleischende Selbstanklagen und Schuldzuweisungen, sowie hypothetische Angst, die sich bis zur Phobie steigern kann und in vielen Fällen beim Burnout endet. Daher weiß ich von keiner das alltägliche Leben tiefgreifender und weitreichender verwandelnden Einsicht als der, dass es zwar Taten gibt, jedoch keinen Täter.