Podiumsdiskussion

Hybris - v. Wolf Schneider

Es gibt etwas Besseres als Unterwürfigkeit oder Arroganz: Selbstherrlichkeit

Die Fähigkeit des Menschen, sich selbst falsch einzuschätzen ist uralt. Wer es dabei schafft, eine Zielgruppe von sich zu überzeugen, ist damit oft noch schlimmer dran, denn dann bleibt solch ein Irrtum länger haften. Was tun? Lerne zu unterscheiden, probiere aus, verstehe: Eine flexible Selbstherrlichkeit ist besser als eine starre Arroganz

»Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir einer Sache nicht gewachsen sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich mächtig sind. Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, begnadet und fantastisch sein darf?
Aber wer bist du denn, dass du das nicht sein darfst? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu verhalten, dient der Welt nicht. Es zeugt nicht von Erleuchtung, wenn du dich zurücknimmst, damit sich andere in deiner Gegenwart nicht unsicher fühlen. Wir wurden geboren, um die Größe Gottes zu leben, die in uns liegt.
Sie liegt nicht nur in einigen von uns, sondern in jedem. Indem wir unser Licht leuchten lassen, ermutigen wir andere, dasselbe zu tun. Sobald wir von unserer Angst befreit werden, befreit unsere Gegenwart andere.«
Marianne Williamson

 

Wir seien »unermesslich mächtig« schrieb Marianne Williamson in dem Zitat, dass Nelson Mandela 1994 bei seiner Antrittsrede als Präsident des neuen, nun nicht mehr rassistischen Südafrika vorlas, nachdem er für seine Überzeugungen 27 Jahre im Gefängnis gesessen war.
Wir seien »geboren, um die Größe Gottes zu leben«. Genau das sei es, wovor wir Angst hätten, viel mehr als davor, klein und unbedeutend zu sein. Da läuft einem ein Schauer den Rücken runter, das kribbelt bis in die Fingerspitzen, da fühlt man sich verstanden und ermutigt, zur eigenen, wahren Größe zu stehen.

Der Hybris folgt die Nemesis
Andererseits – ist es nicht genau dieser Größenwahn, wir seien »unermesslich mächtig«, der uns auf dem Flug zur Sonne abstürzen lässt wie Ikarus in jenem alten griechischen Mythos? Seine Flügel waren aus Wachs; als er der Sonne zu nahe kam, wurden sie weich, und er stürzte ins Meer. Die Götter lassen es eben nicht zu, dass man sich ihnen zu sehr nähert. Der Hybris folgt die Nemesis.
Diese »Wahrheit« (Ist es denn eine?) durchzieht die Mythen vieler Völker. Überall wird Bescheidenheit und Demut gefordert. Bei den antiken Kulturen galt die Mäßigung sogar als höchste aller Tugenden, und bei den theistischen Religionen äußert sich die Warnung vor dem Größenwahn bis heute im Tabu der Blasphemie: Wer beansprucht zu sein wie Gott, wird auch heute noch, zum Beispiel in Pakistan, nach geltendem Gesetz mit dem Tod bestraft – von weltlichen Institutionen. Wenn nicht schon »Gott selbst« das Strafen übernahm, indem er den Frevelnden verunglücken oder sich vor Reue zermürben ließ.

»Ich bin die Wahrheit«
Einsicht in das, was ich mir zutrauen kann und was nicht, ist sicherlich in allen Lebensbereichen wertvoll und ein Zeichen von Intelligenz. In einem Bereich aber ist diese Einsicht besonders wertvoll und ihre Abwesenheit besonders unheilvoll: im Bereich des Religiösen, Spirituellen. Wenn ich mich und meine Fähigkeit dort falsch einschätze, hat das besonders üble Folgen, nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere, die mich sehen, erleben und etwa an mich glauben.
Wenn ich mich für eine Reinkarnation von Jesus halte, für den Messias und Erlöser unserer Zeit, für erleuchtet wie Buddha, für einen Boddhisattva, Tulku oder Sadhu, für einen von den Geistern auserwählten Schamanen oder aus einer anderen Welt gesandten Alien, dann gibt es da ein Problem. Mit denen, die mir das nicht abnehmen sowieso. Falls ich mich mit dieser Selbsteinschätzung irre, aber auch mit noch ganz anderen Kräften.
Deshalb nimmt es nicht wunder, dass einige Kulturen für den Fall dieser besonderen Art von Selbstüberschätzung sich auch besondere Maßnahmen im Umgang damit ausgedacht haben. Im Krankenhaus von Jerusalem sind die Psychiater auf dem Umgang mit dem »Messias-Syndrom« vorbereitet.
Das, und der Spott, der diesen Messiasen entgegenschlägt, sind noch die milderen Arten des Umgangs damit. Das Blasphemie-Gesetz in Pakistan gehört schon zu den härteren Varianten. Es verbietet die »Beleidigung der Religion« und sieht insbesondere für die Beleidigung des Namens Mohammeds die Todesstrafe vor.
Das erinnert an dem Umgang mit Al Hallaj damals in Bagdad: Als er sagte »Ich bin die Wahrheit«, wurde er öffentlich gevierteilt (922 nuZ). So wie einst die christliche Inquisition mit Ketzern umging (viele von ihnen waren Mystiker wie Al Hallaj), so gelten auch heute noch in einigen islamischen Gesellschaften diese Frevler als todeswürdig – wenn sie nicht rechtmäßig verurteilt werden, holen fanatisierte Massen das durch Lynchjustiz nach.

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Ein bisschen weiter sein...
Und nun zu denen, die sich auf den Weg gemacht haben, Weisheit zu erlangen. Da zähle ich auch mich selbst dazu. Wie weit sind wir auf diesem anspruchsvollen Weg denn gelangt? Wir auf den spirituellen Wegen, die da Innenschau, Meditation und egotranszendierende Übungen praktizieren seit Jahrzehnten, wie sieht es mit unserer Hybris aus?
Meiner Erfahrung nach, der ich nun seit über 30 Jahren mich vor allem unter Menschen bewege, die sich auf dem spirituellen Weg befinden (oder wähnen), mit ihnen zusammen lebe, arbeite und ihre Nöte und Erfolge in meiner Zeitschrift beschreibe, meine, dass das normale Ego, das sich Reichtum und Erfolg wünscht, für diese Menschen viel weniger wichtig geworden ist.
Auch die Ellbogen werden seltener eingesetzt, um Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Man glaubt viel weniger an die Unvergänglichkeit, an die Festigkeit des eigenen Ich und die der anderen Egos. Man weiß, dass Materie nur ein Begriff ist und der Geist stark. So weit, so gut. Was jedoch den Größenwahn anbelangt, gibt es hier eine neue, scheinbar edlere Art des Größenwahns: den Glauben, dass ich schon ein bisschen weiter bin als du.

Der spirituelle Wahn
Man könnte ihn den »spirituellen Wahn« nennen oder die spirituelle Arroganz. In seinem Buch von 1973 »Cutting through Spiritual Materialism« bezeichnete Tschögyam Trungpa diese Krankheit als »Spirituellen Materialismus« – Materialismus in neuem, nun spirituellem Gewand. Aber auch die Meister der früheren Jahrhunderte und Jahrtausende kannten diese Krankheit. Sie mag ein Hauptgrund dafür sein, dass die Weitergabe einer spirituellen Tradition auch heute noch oft von Meister/in zu Schüer/in geschieht, persönlich, anstatt nur durch die Weitergabe von Schriften oder Praktiken, denn vor einem Menschen, der einen gut kennt, kann man die eigene Arroganz nicht so leicht verbergen.
Den Koran auswendig rezitieren zu können oder das Herzsutra in der richtigen Intonierung zu chanten, das muss noch kein Zeichen von spirituellem Fortschritt sein. Es kann auch Grundlage von spiritueller Arroganz sein: Als ein Hafiz (so heißt unter Moslems einer, der den Koran auswendig kann) bin ich eben was Besonderes. Ebenso wie einer, der den Kailash 108 Mal umrundet hat (bei Niederwerfungen im Abstand der Körperlänge genügt schon weniger).
Es funktioniert aber auch mit kleineren Brötchen: Der dritte Grad im Reiki ist eben ganz was anderes als nur der zweite – da bin ich dann nicht mehr einfach nur ein Initiierter, sondern ein Meister. So schnell zum Meister, na ja … das mag für die anderen spirituellen Richtungen aussehen wie eine besondere Art von Größenwahn, aber diese Richtungen haben ihre eigenen Statussymbole, auch wenn die meist nicht so eindeutig erkennbar sind wie die Farben der Gürtel bei den ostasiatischen Kampfkünsten.

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Die Autoritätsfalle
Spirituelle Eitelkeit zeigt sich auch im Umgang mit Autoritäten. Sei es, dass man sich selbst als Autorität in spirituellen Fragen aufführt, sei es, dass man andere durch entgegengebrachte Verehrung als solche behandelt. Beides sind in ähnlicher Weise tückische Fallen, und wir alle tappen dort hinein – seit Jahrtausenden. Die meisten, die auf Gurus schimpfen und sich aufgrund dieses Widerwillens jenseits der Autoritätsfalle wähnen (in spirituellen Kreisen ist es oft die Erleuchtungsfalle), befinden sich diesseits davon.
Autoritäten sind ja in so vieler Hinsicht sinnvoll, und in so vielen Bereichen, von der Kindererziehung angefangen bis in alle Bereiche, in denen Expertise notwendig ist. Solche generell abzulehnen, auch im spirituellen Bereich (»die Gurus«), ist dumm.
Gurus können nämlich wunderbar zu zweierlei nützen: Man kann sich ihnen hingeben, um dadurch mal eine Zeitlang von außerhalb des altgewohnten Ich die Welt zu betrachten.
Außerdem kann man sich anhand eines Gurus auch die eigene Reaktionsbereitschaft ansehen, auf »selbsternannte« Autoritäten mit Wut oder Spott zu reagieren (falls es die »selbsternannten Gurus« sind, die einen fuchsen) sowie den eigenen Neid, dass ein Mensch hier die Chuzpe zeigt, so kompromisslos zu sich zu stehen, dass er sich selbst ernennt, anstatt so lange den Speichel einer der »ernannten« Autoritäten zu lecken, bis diese so gnädig ist, sich zu ihm herabzubeugen, um endlich ihn zu ernennen.

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Viveka
Marianne Williamson, Nelson Mandela und all die anderen, die diese Botschaft weitergereicht haben: Ja, wir haben Angst vor unserer eigenen Größe! Aber eine Haaresbreite neben dieser Einsicht und dem Mut ihr gemäß zu handeln liegen auch die spirituelle Arroganz, der Größenwahn, die menschliche Hybris.
Wie schaffen wir es nur, das eine vom anderen zu unterscheiden? Wie werden wir Diogenes gerecht gegenüber dem ruhmessüchtigen Kämpfer Alexander? Wie erringen wir das, was die alten indischen Schriften Viveka nannten, das Unterscheidungsvermögen?

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Die Kriterien
Hier sind ein paar modernere Kriterien.
Erstens: Kannst du, der du so sehr von deiner Herrlichkeit überzeugt bist, über dich selbst lachen? Wenn ja: fünf Punkte für die Endauswertung.
Zweitens: Hast du die Reise durchgemacht von der Normalität (die Berge sind Berge, wie man im Zen sagt) über die Zeit der religiösen Verrückung und Verzückung (da sind die Berge keine Berge mehr) bis hin zur Ernüchterung (da sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse; du reitest den Büffel heim und kehrst auf den Markt zurück, s. S. 37): fünf Punkte.
Drittens: Du erkennst und schätzt die religiöse Ergriffenheit auch in ganz anders Akkulturierten und nennst sie nicht »Aber-« oder »Ungläubige«: fünf Punkte.
Viertens: Du pfeifst auf die Punkte, die dir irgendwer gibt und machst dein Ding (aber bitte ohne jemand dabei zu schaden): noch mehr Punkte!


Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Lebenskunst seitdem. Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«.
Kontakt: schneider@remove-this.connection.remove-this.de,
Blog: www.schreibkunst.com und  connection.de