Podiumsdiskussion

Opfer und Täter

Die meisten Religionen und religiösen Wege unterteilen die Wirklichkeit in ein Diesseits und ein Jenseits. Hier ist die normale Welt des Alltagsbewusstseins und dort die »Anderswelt«. Hier die relative und dort die absolute Wirklichkeit. Macht das Sinn? Ja, denn es ist zwar alles eins, aber nicht alles ein Brei.


Schuldzuweisung pfui, Verantwortung hui

Wenn wir nun einem Menschen an irgendwas »die Schuld geben« oder für irgendetwas »die Verantwortung übernehmen« befinden wir uns auf der ersten Ebene. Im Falle der Schuldzuweisung machen wir jemanden zum Täter, im Falle der Klage (»Du hast mir das angetan«) uns selbst zum Opfer. Im Falle der Übernahme von Verantwortung (was wir ja alle so schätzen) machen wir uns selbst zum Täter. In der spirituellen Szene ist die Schuldzuweisung verpönt, ebenso auch das Jammern über das, was einem angetan wurde, die Übernahme von Verantwortung aber nicht. Das finde ich ein bisschen unlogisch, denn beides folgt der Opfer-Täter-Logik: Wenn etwas geschieht, muss es irgendwer getan haben – letztlich Gott als Schöpfer der Welt. 

Trotzdem schätze ich den ethischen Trend, dass es für besser befunden wird Täter zu sein (was ja heißt: Schöpfer, Gestalter von Wirklichkeit) als Opfer. Nicht nur weil das chronische Jammern der Opfer auf Dauer nervt, sondern weil im Schöpfersein, Tätersein, der Mensch sich als Held zeigt, als absichtsvoller Gestalter von Wirklichkeit, als Kreativer, Künstler, vielleicht gar Lebenskünstler. Das ist ja nicht nur in ästhetischem Sinne schöner als das Jammern und die Schuldzuweisungen, sondern wir nähern uns mit dieser Pose auch dem Göttlichen an im Sinne von Gott als Demiurg, als Weltenschöpfer. 


Zwei Posen

Aber es ist eine Pose, so wie auch die des Opfers. »Ich tue«, oder »man hat mir angetan« bewegt sich beides auf der Ebene, wo Personen als einzelne, einigermaßen souveräne Agenten wirken und etwas geschehen lassen, das wieder auf andere Personen wirkt. Diese Ebene ist die Grundlage unserer Rechtsordnung, wozu auch der demokratische Staat gehört mit seinem Wahlrecht (one man, one vote) – und so denken wir meistens, auch die Meditierer unter uns. Wir tragen ja auf Facebook keine Bewusstseinsfelder und systemischen Zusammenhänge ein, sondern Personen, und wenn ich dich nach einer Adresse frage, um mit dir ein Date zu machen, frage ich nicht, wo ich diese schöne Aura wiederfinden kann, sondern dich als Person. Obwohl ich doch weiß, dass wir uns nur »jenseits von gut und böse« (von Opfer und Täter und all dem Persönlichen) treffen können, wie Rumi es so schön sagt. 


Drei Einwürfe

Weil man nun diese beiden Ebenen, das Diesseits und das Jenseits – die. wo man »noch« urteilt und die, wo man »schon« darüber hinaus ist – so leicht verwechseln kann, haben wir für die Podiumsdiskussion am Pfingstsamstag 2013 das Thema »Opfer oder Täter« aufs Programm gesetzt. Mit vier prominenten Sprechern aus dem spirituellen Umfeld, die dazu jeweils ganz eigene Standpunkte haben: Nabhya Carmen Stern, Padma Wolff, Werner Ablass und Veit Lindau. Moderiert von mir selbst, deshalb hier schon mal drei Einwürfe zum Thema: 

• »Das sage ich jetzt mal ganz ohne zu werten«. Ach, schade. Ich hätte so gerne gewusst, wie du das bewertest. Ist es denn wirklich so schlimm, etwas, oder gar jemanden, zu bewerten?

• Erst wenn der Verstand aufhört, können wir wirklich lieben. Dann sehen wir das Göttliche in jedem einzelnen. Erst wenn wir die Agenten der Welt nicht mehr in Opfer und Täter unterteilen – die einen beschuldigen wir, die anderen sprechen wir frei – werden wir glücklich sein. Oder willst du lieber Recht haben als glücklich zu sein? Doch wo bleibt dann der Rechtsstaat? Wenn die Spiris regieren, ist es dann bei uns so wie in Somalia?

• Wenn es stimmt, dass die höchste Form der Intelligenz darin besteht, zu wissen, wann wir bewerten sollten und wann nicht – wer ist es dann, der das eine vom anderen unterscheidet? Bin ich das? Und wenn mir das nur mehr oder weniger gut gelingt, kann ich etwas dafür?


Wolf Schneider
, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. Kontakt: schneider@remove-this.connection.remove-this.de, www.connection.de