Podiumsdiskussion

Schattenarbeit - v. Abdi Assadi

Vom Tanz des Dunklen mit dem Hellen
und der spirituellen Selbstgefälligkeit

Interview mit Abdi Assadi über die Schattenarbeit
(Das Interview führte Wolf Schneider)

Spirituelle Fortschritte gibt es nur, wenn wir uns unserem Schatten stellen, dem Teil der Seele, den das Ego nicht sehen und nicht wahrhaben will. Das gilt für Nationen ebenso wie für Individuen. Der im Iran geborene Abdi Assadi ist ein schonungsloser Aufdecker des Schattens.
Sein Buch »Schatten auf dem Weg« nannte der britische Musiker Sting »eine Wortbombe, gelegt unter den Altar der Kirche der spirituellen Selbstgefälligkeit«. Assadi wuchs in Pakistan und Nigeria auf, heute lebt er als Heiler in New York. Wolf Schneider traf ihn im April 2011 in München und führte anschließend per eMail das folgende Gespräch mit ihm

Abdi Assadi ist Akupunkteur, Autor und spiritueller Berater. Er wuchs in Afrika, Asien und New York City auf. Er war selbst drogensüchtig und hat danach mit Drogensüchtigen und Aidskranken gearbeitet. Heute lebt er abwechselnd in New York City und upstate. www.abdiassadi.com

Wolf Schneider: Okay, lass uns nun das Individuum anschauen. Der spirituelle Sucher, wie er oft genannt wird, will sein Ego transformieren, indem er die inneren Dämonen konfrontiert, seine Hausaufgaben in Schattenarbeit macht und durch die dunkle Nacht der Seele geht.
Sehr oft gerät er dabei jedoch in die Falle eines narzisstischen Gurus oder Therapeuten, landet in einem Kreis der »wenigen Auserwählten« oder bei einem Mantra oder sonst einer Methode, die beansprucht, in wunderbarer Weise allen anderen überlegen zu sein, die bisher von Menschen praktiziert wurden. Wie kommt er aus dieser Falle wieder raus?


Abdi Assadi:
Lass mich vorab sagen, dass es einige lebende erleuchtete Lehrer gibt, die ganz richtig darauf hinweisen, dass man in der spirituellen Arbeit ziemlich aufgeschmissen ist, so lange das Ego noch da ist. Was sie sagen wollen, ist, dass das Ego an nichts anderem Interesse hat als daran, seine eigenen Ziele und seinen eigenen Status zu fördern.
Dies kann jedoch insofern missverstanden werden, als man meinen könnte, wir seien hilflos und könnten nichts tun, solange uns das Erwachen nicht eins über die Rübe gibt. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein als das.

Auf dem Weg des Erwachens braucht es das Streben und sich Abmühen, obwohl das irgendwann aufgegeben werden muss, weil das Ich das ist, was strebt. Wir können jedoch tödliche Ichs sein oder gütige Ichs - unser Planet braucht mehr die gütige Sorte. Was das tödliche Ich verstärkt, das sind die Sachen, die unsere Kultur so gerne glorifiziert: die organisierte Religion, der Nationalismus und auch die meisten anderen Ismen; alles das verstärkt das Gefühl von Ich anstatt es zu schwächen.

Die Stufen auf dem Weg, die du da ganz richtig beschreibst, sind die Versteckspiele des Egos. Ab und zu aber bekommt das Ego Öffnungen in seine Mauer geschlagen. Auch der narzisstische Guru oder Therapeut hat seine Art, auf das Selbst hinzuweisen.

Wir können nur soundsoviele Male getäuscht werden, irgendwann geht uns ein Licht auf. Meiner Erfahrung nach haben alle Stufen ihren Sinn und spiegeln etwas in einem selbst, das Heilung braucht. Und Gnade gibt es wirklich!
Es gibt da eine Intelligenz, die uns kompromisslos aufnimmt, wenn ein Teil von uns sagt: »Ich will aufwachen!« Sie antwortet ohne zu zögern, ganz im Gegensatz zum Ego, das nur geblufft hat.
Der einzige Weg, der Falle zu entkommen, die du da beschreibst, ist, einen so heftigen Arschtritt zu bekommen, dass dir klar wird, dass es da ein Problem gibt. Wenn du dich dann ergibst, ist das der Punkt, an dem das echte Sterben beginnt.
Zur Zeit passiert es, dass Menschen Einblicke in das Ganze bekommen, ohne vorher denselben Prozess durchmachen zu müssen, den andere durchmachen mussten. Es scheint, dass Gaia uns in ihrer Weisheit auf die nächste Ebene schubst, indem sie uns aufweckt. Es kann also durchaus sein, dass, sobald das kollektive Erwachen beginnt, diese Falle kein Problem mehr sein wird.

Wolf: Ich fühle mich an diesem Punkt hin- und hergerissen. Mal glaube ich, dass alles besser wird jeden Tag; dass wir einen historischen Bewusstseinswandel erleben. Und dann wieder denke ich: Oh, scheiße, schau dir Fukushima an, die Kriege in Afghanistan, Libyen und sonstwo, und dass es immer mehr Armut auf der Welt gibt und die Natur zerstört wird.
Was mich zu der Frage führt, ob ich Pessimist oder Optimist sein will. Ich entscheide mich dann »aus gesundheitlichen Gründen« für den Optimismus, und weil mich das dabei unterstützt, geduldig und zuversichtlich für den positiven Ausgang zu arbeiten.

Und was die Frage betrifft, wie viel spirituelles Erwachen es zur Zeit gibt und wie viel spirituelle Selbsttäuschung: Ich sehe, dass es eine Explosion des Interesses an Spiritualität gibt und auch eine gewisse Zunahme der Bereitschaft, sich dem tatsächlich zu widmen und die Selbsterforschung zu vertiefen.
Es gibt aber auch eine riesige Zunahme der Selbsttäuschung in Bezug auf Spiritualität. Spiritueller Jargon hat etliche Subkulturen überflutet und eine Anzahl von Promis für sich einnehmen können. Er bewegt sich nun durch die sozialen Schichten abwärts und infiziert die Massen.
Einerseits öffnet das Türen für echtes Verständnis – die Aufgabe, das Wahre im Falschen zu finden – gelegentlich gelingt das. Andererseits täuscht dieser Jargon, denn er tut nur so als ob. Er betäubt den Hunger nach Wahrheit für eine Weile, aber er nährt nicht wirklich.

Abdi Assadi: Ich weiß, was du meinst. Es ist der Tanz zwischen dem »Oh, da ist Licht am Ende des Tunnels« und »Mein Gott, wir haben es verschissen«. Aus der Sicht des Egos haben wir es natürlich immer verschissen. Für das Ego wird es nie gut ausgehen, sogar im bestmöglichen, unwahrscheinlichen Fall, dass wir schweres Leiden vermeiden können.
Wir, das Ego, werden zum Schluss alles verlieren. Aus Egosicht wäre nur ein Narr optimistisch. Auf der Ebene des Erwachens aber gibt es keine Anhaftung mehr. Da gibt es dann weder Pessimismus noch Optimismus, weil beides in seiner Unwirklichkeit klar sichtbar ist.
Alles ist einfach. Ich entscheide mich sicherlich lieber für einen süßen Traum anstatt für einen Albtraum, aber das ist eine kollektive Entscheidung, die noch einiges Abmildern unseres kollekiven Egos braucht.
Mir fällt dazu der Satz von Nisargadatta ein: »Wenn du erkennst, dass du alles bist, das ist Liebe; wenn du erkennst, dass du nichts bist, das ist Weisheit.«

 

»Das Helle und das Dunkle tanzen auf dieser Ebene immer zusammen. Während so viel Erwachen geschieht, gibt es ebensoviel Pseudo-Spiritualität«

 

Das Taumeln ist Medizin
Mein Gefühl ist, dass du von dem größeren Ich sprichst, wenn du fragst: Will ich pessimistisch oder optimistisch sein?« Anlässlich des Zustands in der Welt emotional auszurasten bringt uns ja nicht weiter. Ich persönlich halte mich auf dem Laufenden, was um mich rum so los ist, aber wenn mein Herz sich dabei verschließt und ich beginne mit Angst oder Wut darauf zu reagieren, dann ziehe ich mich zurück und verbinde mich wieder mit meinem Zentrum.
Wir haben Seuchen und Katastrophen erlebt, die große Teile der Menschheit vernichtet haben. Wir vergessen so leicht, dass wir vergänglich sind. Die Vergänglichkeit ist ein starker Lehrer. Das Gefühl des Taumelns aufgrund all dieser Katastrophen ist eine bittere, aber sehr heilsame Medizin für das Ego, das glaubt, aus festem Stoff zu sein. Und natürlich sind wir Westler viel glücklicher dran als die Hälfte der Welt, die von ein paar Dollar am Tag leben muss; wo die Menschen hungern, verdursten oder das Land vom Krieg zerstört ist.
Das Helle und das Dunkle tanzen auf dieser Ebene immer zusammen, das ist dort ganz natürlich. Während so viel Erwachen geschieht, gibt es ebensoviel Pseudo-Spiritualität. So ist es immer.
Ich sehe, dass die Menschen ein bisschen weiser werden, aber als einer, der seit einem viertel Jahrhundert als Heiler arbeitet, habe ich gelernt, die Anhänglichkeit der Menschen an ihr Ego und an alles das, was damit zusammenhängt, nicht zu unterschätzen. Von daher rührt unser gemeinsames Leiden. Unsere Egos werden bis zum Ende ihr Bestes geben, wie du es so schön gesagt hast: um unseren Hunger nach Wahrheit zu betäuben, ohne uns zu ernähren.
Dieses Setting hat heute jedoch etwas Manisches, eine Falschheit, die offensichtlicher ist als früher. Das äußere Elend hat seine Entsprechnung im Inneren, auf einer gewissen Ebene ist beides dasselbe.
Es gibt da eine Verzweiflung, die sehr spürbar ist, wenigstens in New York ist das so. Das führt uns schließlich darauf zurück, dass wir nichts tun können außer unsere Arbeit zu machen – ehrlich, bescheiden und gründlich.

 

Das Absolute und das Relative
Auf unserer Suche nach spirituellem Wissen gibt es immer wieder ein großes Problem: das ist unsere Verwechslung des Relativen mit dem Absoluten. Die großen Gurus wie Ramana Maharshi und Nisargadatta haben sich nicht um Phämomene wie Beziehungen, den richtigen Lebensunterhalt, Kriege usw. gekümmert. Ab und zu sagten sie sowas wie: Ihr Idioten, alle eure Probleme wurzeln in euren ego-getriebenen Wünschen.
Auch unsere moderen Gurus sagen das ab und zu. Dann gibt es andere Lehrer, die beziehen sich auf das Relative und sind sich des Absoluten nicht richtig bewusst, oder sie kennen das nur aus der Theorie, nicht aus ihrer eigenen Erfahrung.
Du kannst das daran erkennen, wie sie mit sowas wie Erfahrungen, Phänomenen, Hochgefühlen umgehen. Natürlich sind beide wertvoll. Es ist wesentlich, die eigene wahre Natur zu kennen, und es ist auch wunderbar, wenn man sich nicht in der Liebe oder der Arbeit untreu wird. Es sind dies aber zwei völlig verschiedene Bereiche.

Mir gefällt deine Idee des esoterischen Kabaretts, das ja versucht, die Freude über das Absolute mit der des Relativen zusammenzubringen. Ich glaube, dass es ein wertvolles Unterfangen ist, ein erfülltes Leben zu haben, während man sich zur Erleuchtung hin entwickelt.
Das ist, was wir Westler mit an den Tisch bringen können. Aber das muss sehr bewusst gemacht werden, sonst landen mir damit im Chaos. Man sollte sich sehr bewusst sein, was einem ein Guru, den man wählt, anbietet, denn die Projektion unseres Bedürfnisses nach elterlicher Zuwendung auf einen Lehrer ist die Stelle, wo sich der Schatten verbirgt und uns in den Arsch beißt.
Je mehr wir uns über unsere eigene Absicht im Klaren sind, umso weniger leicht gehen wir in diese Falle. Aber auch das Heineingehen in diese Falle ist Teil des Weges zum Erwachen. Ich habe von dem Verrat meiner Lehrer ebenso viel gelernt wie von ihrer Klarheit. Es weist eben alles auf einen selbst zurück.

 

Der Interviewer:
Wolf Schneider
, Jg. 1952, Studium der Lebenskunst seitdem. Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: schneider@connection.de, Blog: www.schreibkunst.com und  connection.de