Podiumsdiskussion

Der Lehrer - v. Christian Meyer

Spirituelle Arroganz und die Funktion des Lehrers auf dem spirituellen Weg.

"Ich bin erleuchteter als Du, näher dran, war bei soundsovielen Meistern - noch zu Lebzeiten in ihrem Ashram - meditiere jeden Morgen eine Stunde im Lotus-Sitz.."
So oder so ähnlich klingt es, wenn wir uns neue Formen des Aus- und Abgrenzens schaffen auf dem spirituellen Weg. Nicht mehr materieller Gewinn und Konkurrenz stehen nun im Vordergrund unseres Strebens nach Erfolg und Anerkennung.
Die spirituelle Suche wird zum Selbstzweck - wir sammeln spirituelle Erfahrungen wie Rabattpunkte im Supermarkt - und sind damit dann (vermeintlich) ein Stück näher am Himmel, an der Erfüllung, der Befreiung, der Wahrheit, unserem Meister und der Erleuchtung. Unsere Suche bringt uns damit wieder ins Außen - und nicht in die Tiefe der inneren Erfahrung von Stille, Frieden und Unendlichkeit.
Spirituelle Entwicklung führt - auch nach dem "Aufwachen" nicht automatisch zu einer Befreiung von der Persönlichkeitsstruktur. Im Gegenteil - auch bei vielen "Meistern" werden die persönlichen Strukturen durch Projektion und Hingabe ihrer Schüler (und ganz besonders Schülerinnen) eher verstärkt - von spiritueller Befreiung kann dann nicht mehr die Rede sein.

Hieraus ergeben sich Fragen zur Lehrer-Schüler Beziehung und deren Bedeutung auf dem spirituellen Weg. Wir trafen Christian Meyer, Teilnehmer des Rainbow-Spirit-Festivals (25.-28. Mai 2012)und der dort stattfindenden Podiumsdiskussion zum Thema "Spirituelle Arroganz" während eines seiner Methodenseminare im Februar in Berlin.

FRAGE: Christian, Du bist ein "spiritueller Lehrer" und  hast seit über 10 Jahren  das spirituelle Zentrum "zeit-und-raum" in Berlin, das seine Arbeit dem Aufwachen, dem spirituellen Wachstum des Menschen, der Selbst-Verwirklichung  und dem inneren und äußeren Frieden widmet.  Was ist deine Aufgabe als "spiritueller Lehrer" in diesem Zentrum?

CHRISTIAN: Menschen, die als Schülerinnen oder Schüler zu mir kommen, darin zu unterstützen aufzuwachen. Das ist das tatsächliche Ziel der konkreten Arbeit und nicht nur ein Traum oder eine Vision. Der große Lehrer Poonjaji – wohl der wichtigste Schüler von Ramana Maharshi – nannte die beiden Aufgaben des spirituellen Lehrers: die Energie der Stille zu verbreiten und zu übertragen und zum zweiten Einsichten zu vermitteln. Damit sind keine mentalen, nur  intellektuellen Einsichten gemeint, sondern Einsichten des Herzens und Einsichten als Erfahrung. Poonjaji meinte treffend, wenn die Übertragung von Energie das wichtigste wäre, käme er sich vor wie ein Drogenhändler, die Menschen werden abhängig und kommen nach ein paar Wochen wieder, weil die Energie nicht länger anhält. Viel wichtiger sei die Vermittlung von Einsichten, weil eine durch Erfahrung gefundene Einsicht nie verschwindet. Der spirituelle Lehrer eine Reihe konkreter Aufgaben den Schüler zu unterstützen, manchmal herauszufordern, manchmal Halt zu geben und die Liebe des Lehrers zum Schüler trägt die Arbeit.
Es ist ich  nicht die Aufgabe des spirituellen Lehrers, dem Schüler oder der Schülerin etwas zu vermitteln, was diese zu glauben hätte. Vielmehr ist es seine Aufgabe, konkrete Anweisungen zu geben, wie jemand innere neue und tiefere Erfahrung machen kann, der Schüler wird entdecken, ob diese Hinweise helfen solche tieferen und spirituellen Erfahrungen zu machen oder nicht. Seine tatsächliche Erfahrung ist das Urteil und das Kriterium, nicht ein Glaube.


FRAGE: Wie finden spirituell Suchende "ihren" spirituellen Lehrer? Woran merken sie, dass "es passt"?

CHRISTIAN: Das Herz findet den spirituellen Lehrer. Der oder die Suchende merkt, ob der Lehrer Stille, Leere und Liebe verbreitet. Aber auch der Geist ist nicht untätig dabei: der Schüler hat zu entdecken, ob das was der Lehrer sagt, klar, überzeugend und mit seiner Erfahrung übereinstimmend ist. Aber das Wesentliche ist das Herz und der Ruf des Herzens.

 

FRAGE: Jahrtausende lang hatten Schüler (Schülerinnen gab es eh kaum,) mit Beginn des spirituellen Weges ihren Willen und ihre Persönlichkeit in die Hände des Lehrers zu übergeben. Ist das noch immer so?

CHRISTIAN: Ich glaube nicht, dass diese Aussage so allgemein stimmt. Für die großartigen und wirkungsvollen spirituellen Lehrer Meister Eckart und Johannes Tauler stimmt es definitiv nicht. In Indien hat es traditionell eine große Rolle gespielt, und zeigte sich in einer tiefen, quasi religiösen Verehrung des Lehrers. Das birgt große Gefahren. Zum Beispiel sagte am Schluss des Filmes über die wirklich kritische Entwicklung der Osho-Kommune in Oregon Oshos ehemaliger Leibwächter: „Der Fehler, den wir gemacht haben, bestand darin, Osho als einen Halbgott zu betrachten und zu verehren.“ Ich glaube, dass diese quasi religiöse Verehrung des Lehrers im indischen Kulturkreis, in der das Ego und die Ichhaftigkeit sich weit weniger entwickelt haben – vergleichbar mit der Situation in unserem Kulturkreis vor der Renaissance – dass es da noch Sinn macht. Aber auch in Indien hat Ramana Maharshi jede besondere Verehrung, ja sogar jede besondere Behandlung zurückgewiesen. Wenn diese Art der Verehrung jetzt in unseren Kulturkreis importiert wird, in der eine viel größere Egohaftigkeit herrscht, dann ist es teilweise bizarr und komisch – wenn da Teppiche ausgerollt werden, die nur der spirituelle Lehrer betreten darf und sonst niemand, oder wenn Schülerinnen rückwärtsgehend sich vom Lehrer entfernen. Und es ist auch gefährlich. Sie bringt Menschen in Abhängigkeit, dass Ich verstärkt sich und bläht sich auf durch die  fantasierte innere Verschmelzung mit dem großartigen und quasi religiösen Lehrer. Das dient nicht dem Aufwachen, sondern verhindert es.
Der wirklich spirituelle Lehrer stellt nicht das Besondere dar, sondern zeigt seinen Schülerinnen und Schülern, dass alles in ihnen enthalten ist, nicht draußen im Lehrer zu suchen, sondern in sich selbst zu entdecken. Aufgewacht sein heißt, das Nichts wahrzunehmen, sich als das Nichts wahrzunehmen, auch als vollkommen normal, als  nichts Besonderes.

FRAGE: Ist dieses Verhältnis von entscheidender Bedeutung für die spirituelle Entwicklung des Schülers?

CHRISTIAN: Das Verhältnis zum Lehrer ist tatsächlich entscheidend, die Unterstützung für die Entdeckung neuer Erfahrungen und der tatsächlichen Weite, Leere und Stille durch den inneren Abgrund und die sich weitenden inneren Räume hindurch, ist, um aufzuwachen unabdingbar. Zwar geschieht aufwachen manchmal auch ohne einen spirituellen Lehrer, aber dann gibt es da eine extreme existenzielle Situation, meistens mit dem Tode zusammenhängend, die den Menschen an den inneren Abgrund und das Loslassen bringt

FRAGE: Wie können wir sicher sein, das der Lehrer, speziell Schülerinnen gegenüber, dieses Verhältnis nicht missbraucht?

CHRISTIAN: Auch nach dem Aufwachen gibt es viele Situationen und starke innere Kräfte – durchaus beschreibbar mit den drei Klassikern: Geld Sex und Macht – nämlich der Selbsterhaltungstrieb, der Sexualtrieb und der soziale Trieb. Diese drei Grund-Triebe des Menschen sind so mächtig, dass sie uns die letzten 4 Millionen Jahre durch Eiszeiten und durch die Kontinente getragen haben. Und nach dem Aufwachen gibt es jede Menge Verführungen: der aufgewacht ist anziehender für andere Menschen, natürlich nur wegen der Stille die er ausstrahlt. Wenn der Aufgewachte das persönlich nimmt und ausagiert, kann er viel Leid verursachen, zum Beispiel wenn er sexuelle Beziehungen beginnt, in denen die oder der andere mehr möchte und sich unglücklich verliebt. Das wird natürlich noch extremer, wenn es sich um einen spirituellen Lehrer handelt.  Wenn der Lehrer sexuelle Beziehungen beginnt, ist er zwangsläufig in der unabhängigen Position und die Frau in der abhängigen. So können sexuelle Beziehungen entstehen, in denen die Frau leidet weil sie sich unglücklich verliebt oder in denen die Frau sich entgegen ihren eigenen Empfindungen sexuell hingibt, weil sie die Wünsche des Lehrers natürlich höher stellt als die eigenen und aus der spirituellen Arbeit die Einstellung hat, dass der Lehrer weiß, was für sie gut ist.

Hinzu kommt die Angst, bei Nichterfüllung der Wünsche des Lehrers zurückgestoßen zu werden und damit den in gewisser Hinsicht wichtigsten Menschen zu verlieren: Liebhaber kann Frau viele finden, spirituelle Lehrer nicht.
Der Lehrer sollte sich auch sehr ernsthaft Fragen, weswegen er es nötig hat, sexuelle Beziehungen zu beginnen in denen es von vornherein keine Augenhöhe und Gleichberechtigung geben kann. Natürlich können die Dinge anders liegen, wenn zwischen Lehrer und Schülerin (natürlich gilt das gesagte gleichermaßen für die Lehrerin und den Schüler) Liebe entsteht und beide zu einer gleichberechtigten und verantwortungsvollen Beziehung finden. Der Berufsstand des spirituellen Lehrers ist nicht definiert. Sonst würden hier sicherlich gleiche Bedingungen herrschen wie in dem vergleichbaren Beruf des Psychotherapeuten. Der nämlich verliert seine Kassenzulassung beim eingehen sexueller Beziehungen mit KlientInnen.

Geld, Sex und Macht - das sind nach dem Enneagramm die drei Unterfixierungen Selbsterhaltungstrieb, Sexualtrieb und der soziale Trieb. Auch nach dem Aufwachen ist spirituelle innere Arbeit nötig, damit das Aufwachen sich vertieft. Wenn man das Enneagramm und seine eigene Charakterfixierung kennt, hilft das außerordentlich, die Fallstricke und Verführungen zu erkennen. Es ist nicht nur der sexuelle Missbrauch, sondern auch der finanziell-materielle und der Missbrauch der Macht. Auch das ist emotionaler Missbrauch. Wenn der Lehrer oder die Lehrerin aufgrund narzisstischer Defizite anfällig ist für den narzisstischen Zugewinn durch Bewunderung und Verehrung, dann wird er oder sie
subtil und unterbewusst gerade das fördern. Wenn der Lehrer eine soziale Unterfixierung hat, wird er es darauf anlegen, Gemeinschaften zu gründen und wir-Konzepte zu verbreiten, an denen nichts per se nichts falsch zu sein braucht, die aber falsch werden, wenn der Lehrer wohl diese Gemeinschaften indiziert, um sein (wieder oder noch vorhandenes) Ego durch den Macht-Zuwachs aufzublähen. Ich bin sicher, dass man in diesen Fällen folgendes finden wird:  Die Schüler und Schülerinnen  spüren, dass da etwas nicht richtig ist. Wegen der Abhängigkeit vom Lehrer dürfen sie sich und anderen dies aber nicht eingestehen.
Dann kommt es zur Reaktionsbildung, dass nämlich die Gemeinschaft, die Gruppe oder die Verehrungsrituale mit besonderer und auffallend übertriebener Energie gerechtfertigt und verteidigt werden, um  quasi die innere Stimme zu übertönen.
Das führt dann zu verschworenen Gemeinschaften, in denen dann aber ziemlich sicher niemand aufwacht. Weil zu viel Ego da bleibt. Weil es das  Loslassen verhindert. Weil es Lärm macht und der Stille schadet.  .
Die spirituelle Arroganz zeigt sich hierbei darin, dass sich der Lehrer oder die Lehrerin als unabhängig von jeder Moral und den Konsequenzen seiner Handlungen ansieht. Natürlich lebt der Aufgewachte so vollständig in der Gegenwärtigkeit, dass Zukunft und Vergangenheit nicht existieren. Natürlich entsteht Leid nur durch Gedanken. Aber selbstverständlich ist er auch verantwortlich dafür, was seine Verhaltensweisen bei anderen anrichten. Er ist verantwortlich dafür, ob er unnötiges Leid schafft für sich und andere. Ob sein Verhalten dem Ego dient oder der Stille.

FRAGE:
Kann ein spiritueller Lehrer ein sexuelles Verhältnis zu einer seiner Schülerinnen eingehen und gleichzeitig ihr Lehrer bleiben?

CHRISTIAN: Wenn er zu einer Schülerin eine Liebes-Beziehung eingeht, dann müssen die beiden selber einen Weg finden.
Wenn es aber eine sexuelle Affäre ist, die von vornherein nicht auf Augenhöhe und gleichberechtigt sein kann, wird es die Lehrer Schüler Beziehung gravierend stören.
Ich fürchte am ehesten, dass die Schülerin auf Dauer beide verliert: den Liebhaber und den Lehrer. Selbst dann, wenn sie noch jahrelang zu seinen Füßen sitzt.

 

FRAGE: Was kann der spirituelle Lehrer tun, um mit wachsender Zuhörerschaft nicht in der Falle spiritueller Arroganz zu landen?

CHRISTIAN: Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber ist das Wichtigste. Drei Fragen sind so etwas wie der Kompass für die Selbsterforschung: Was will ich? Was fühle und erfahre ich? Wer bin ich?
Was die Zuhörerschaft angeht kann er sich fragen: Was will ich? Was gibt mir das, wenn mir viele zuhören? Was würde es mit mir machen, wenn zum Satsang plötzlich Niemand käme? Wäre irgendetwas innerlich anders, wenn ich das ganze Lehrersein von jetzt auf gleich verlieren würde? Solche Fragen helfen ziemlich sicher, sich selber auf die Schliche zu kommen. Es hängt natürlich davon ab, ob man das will.

 

FRAGE: Befreit das "Aufwachen" von den Ich-haften Persönlichkeitsstrukturen?

CHRISTIAN: Ja und Nein. Das Aufwachen bringt die zweifelsfreie Erkenntnis, dass da nie ein ich gewesen ist. Handlung geschehen ohne einen Handelnden. Aber natürlich ist da eine Persönlichkeit. Jedes Tier, jeder Hund jedes Pferd hat eine ausgeprägte Persönlichkeit ohne irgendeine Egostruktur. Durch das Aufwachen kann die Persönlichkeit, die vorher unter all den Ängsten und zwanghaften Konzepten eingeengt war, sich viel freier entfalten. Der Aufgewachte wird spontaner, kreativer und vielseitiger. Wenn wir mit dem Enneagramm solche spirituellen Lehrer wie Ramana Maharshi – mit seiner Neuner- und Körper-Fixierung und Krishnamurti
mit seiner mentalen Sechserfixierung vergleichen, verspüren wir eine völlig andere Energie und völlig andere Persönlichkeiten.
Das Aufwachen lässt die Ichstruktur verschwinden. Aber aus der Biografie, aus dem Emotionalkörper und  aus den Grundtrieben entstehen immer wieder Impulse, Wünsche Verhaltensweisen, die entweder Ich-Strukturen wieder wachrufen oder aber durch bewusstes Anhalten zur Vertiefung des Aufwachens führen. Jeder der aufgewacht ist, kann auch wieder einschlafen. Zu jedem Zeitpunkt.

 

FRAGE: Du bist Psychotherapeut mit eigener Praxis und 30jähriger Berufserfahrung. Wie fließt diese Tätigkeit und deine Erfahrung in deine Arbeit als spiritueller Lehrer ein - und wie profitieren Deine Schüler davon?

CHRISTIAN: Ich hatte das große Glück, dass mein wichtigster Psychotherapielehrer und Ausbilder, den ich 1985 kennen lernte und der mich über zehn Jahre begleitete, auf dem Siddha-Yoga-Weg war und diesen verkörperte und dies mit einer ausgewiesenen spirituellen Körperarbeit und der Gestalttherapie verbunden hatte. So war meine psychotherapeutische Arbeit auch immer schon spirituell.
Seit über zehn Jahren nun arbeite ich als spiritueller Lehrer. Besondere Bedeutung hat für mich die Arbeit mit meinen aufgewachten Schülerinnen und Schülern, wo es darum geht, das Aufwachen in die verschiedenen Lebensbereiche zu integrieren und zu vertiefen.
Um aufzuwachen, geht es darum alles zu fühlen, was auftaucht und um ein vollständiges loslassen. Ich konnte immer wieder entdecken, dass dies schlicht daran scheitert, dass der Körper beim Auftauchen von Traurigkeit nicht mehr fließend atmet oder beim Auftauchen von Angst sich automatisch verspannt. Alles fühlen können was da ist und noch mehr das vollständige loslassen erfordert, dass die Verspannungen wirklich beendet werden und der Atem frei fließt. Bei einem Loslassen in den tieferen unendlichen Raum hinein wird der Atem zwangsläufig ganz ganz zart, oft ist die Muskulatur des Brustkorbes so fest, dass dieses zarte atmen gar nicht möglich ist. Ohne eine – am besten spirituell ausgerichtete – Körperarbeit ist das fast unmöglich zu verändern. Ich kenne Menschen, die aufgewacht sind sich als Frieden und Leere erfahren, aber wenig Zugang zu Glückseligkeit finden. Dies geht immer einher mit einer Anspannung des Körpers.
Ein anderer Punkt. Um aufzuwachen braucht es einen völliges Loslassen in die  Gegenwärtigkeit. Solange jemand verstrickt ist in der Vergangenheit, mit Wiedergutmachungs-Wünschen und Anklagen, ist das schwer zu machen. Aber diese Anklagen an das Schicksal wegen der Kindheit und der Eltern, wegen schlimmer Erfahrungen und Lebensumstände kann nicht einfach durch guten Willen aufgegeben werden. Dazu ist innere Arbeit nötig, und auch dazu helfen viele gute Methoden, die sich im Bereich der Psychotherapie entwickelt haben. Ich bin sicher, dass die Integration solcher Bestandteile meine Arbeit als spiritueller Lehrer viel wirkungsvoller macht. Seit Jahren vermittelt ich meinen Schülern diese Methoden, so dass sie sie zu zweit nutzen und sich gegenseitig unterstützen können. Dadurch entwickelt sich bei den Schülern die eigene innere spirituelle Lehrerin oder spiritueller Freund, das ist eine wirkliche Veränderung. Etwa so wie
man hungernden Menschen Fische geben kann, es aber viel besser ist, sie das Fischen zu lehren.

 

FRAGE: Wie ich weiß, ist dein spiritueller Lehrer Eli Jaxon Bear, der das spirituelle Enneagramm entwickelt hat. Ist spirituelles Wachstum "ohne" Therapie oder die Arbeit an den Persönlichkeitsfixierungen möglich?

CHRISTIAN: Möglich ja, aber viel schwerer und ineffizienter. Und  Osho war ja einer der ersten, die entdeckten, dass das Meditieren als Beobachten von Körperempfindungen oder inneren Wahrnehmungen den Menschen vom inneren Erleben sogar weiter entfremden kann und damit auch vom Aufwachen.
Deswegen forderte er dass sie sowohl Meditation als auch Therapie machen sollten. Heute wissen wir, dass das nicht gut funktioniert. Aber es gibt einen Weg, beides viel wirkungsvoller zu verbinden: alles fühlen was auftaucht, den Schmerz ebenso wie die Freude, die Angst ebenso wie die Heiterkeit, ohne es auszuagieren und ohne es zu unterdrücken oder beobachtend abzuspalten. Das ermöglicht wirklich Inneres anhalten und loslassen. Gleichzeitig wird der Mensch von vielen Intentionen und der Vermeidung von Ängsten angetrieben, die unbewusst sind. Diese Vermeidungen sind grundlegende Strategien - zum Beispiel stärker sein wollen als andere, um nie wieder die Verletzung erleben zu müssen. Oder der Angst dadurch aus dem Weg zu gehen, dass ich mich mehr nach den Erwartungen der anderen als nach den eigenen Bedürfnissen richte, und alles daran setze nicht anzuecken und keinen Fehler zu machen. Das und vieles andere sind Verhaltensmuster, die nicht bewusst sind, aber mithilfe der Charakterfixierung des Enneagramms aufgedeckt werden können.
Das hilft sehr zum Aufwachen. Es hilft, zu erkennen was du statt dieser Verhaltensmuster wirklich bist: Leere, Liebe und Bewusstsein. Auch wenn das Ich nicht wirklich existiert, sondern eingebildet ist, so sagte Eli Jaxon-Bear, ist das Enneagramm eine eingebildete Medizin für eine eingebildete Krankheit.




FRAGE: Gibt es noch andere Quellen der spirituellen Arroganz?

CHRISTIAN: Die grundlegende Form der spirituellen Arroganz ist ja die, sich auf das aufgewacht sein etwas einzubilden. Als wenn das Aufwachen zeigen würde, dass man etwas Besonderes wäre oder als ob man das Aufwachen  gemacht hätte und darauf stolz sein könnte. Es ist ja klar, da ist das Ich  schon wieder, das stolz ist und so gerne etwas Besonderes sein möchte und das Aufwachen ist wieder ruiniert.
Mit dem aufgewachten Sein entwickeln sich mitunter ganz von alleine bestimmte als übernatürlich betrachtete Fähigkeiten, auch yoginische Fähigkeiten genannt, weil sie in manchen Yogarichtungen trainiert werden. Darauf stolz zu sein und sich als etwas Besonderes zu wähnen, geht an der wirklichen Qualität des Aufwachens so vollständig vorbei wie die Entwicklung solcher Fähigkeiten als Kennzeichen oder sogar Beweis für das Aufwachen anzusehen. Der große Lehrer Ramana Maharshi gab dazu eine klare Antwort: der spirituelle Lehrer zeigt dem Schüler, dass er selber nichts Besonderes ist und dass der Schüler das ganze
aufgewachte Sein in sich selber entdecken kann. Besondere Fähigkeiten des Lehrers führen nur zu Verehrung und verstärken die Egostruktur beim Lehrer wie beim Schüler. Deswegen – so betonte Ramana – achtet der Aufgewachte nicht auf solche übernatürlichen Fähigkeiten.

© 2011 - Christian Meyer, Berlin - OneSpirit Baden-Baden
Wiedergabe auch auszugsweise nur mit schriftlicher Genehmigung.