Podiumsdiskussion

Text - v. Romen Banerjee

 

Romen Banerjee

Über den Umgang mit Eitelkeiten und anderen Anhaftungen nach dem Aufwachen

Weder verändert das Aufwachen den Charakter, noch verhält sich ein Aufgewachter wie ein Heiliger. Kein einziges Problem löst sich - diesem Körper-Geist-Mechanismuns geht es kein bisschen besser. Viele Jahre scheint das Ich oft eher stärker als schwächer zu werden.

Vorher, nachher - der Unterschied? Du bist mit der Ichhaftigkeit dieses Körper-Geist-Mechanismusses nicht mehr identifiziert. Zumindest immer weniger oft, manchmal jedoch heftiger als zuvor, sodass Zweifel, körperlicher oder seelischer Schmerz, Euphorie und, und , und ... Dich mal brachial, mal subtil zurückreißen, in die Identifikation mit der Verrücktheit. Ganz gleich ob Suchender, ob tief oder Anfänger, Schüler oder Lehrer - Du bist nie wirklich fertig, die Tiefe hat kein Ende.

Dennoch gibt es bei nahezu allen spirituellen Lehrern ein Setting, dass dem Suchenden zu suggerieren scheint: ich bin weiter als Du. Von mir kannst Du lernen, wie man wirkungsvoll an sich arbeitet - oder zumindest hier findest Du eher Wahrheit als anderswo.

In der Regel begegnen sich Schüler und Lehrer nicht wirklich auf Augenhöhe. Entweder möchte der Schüler den Lehrer auf einen Sockel stellen, um ihn später sobald die rosarote Wolke platzt wieder hinunter zu stürzen, oder der Schüler geht mit dem Lehrer in Konkurrenz - je nachdem, wie sein Ich halt gestrickt ist.

Auf die eine oder andere Weise trägt aber auch der Lehrer dazu bei, dass Augenhöhe nicht dauerhaft stattfindet. Mein Lehrer sprach, da ihm dieses Problem bewusst war, gerne von einer Asymmetrie des Geben-und-Nehmens auf Augenhöhe. Auch wenn ein gewisser Erfahrungsvorsprung des Lehrers solch eine Formulierung plausibel erscheinen lässt, scheint sie mir doch letztendlich ein Schutz zu sein. Mein Lehrer wollte seinen Führungsanspruch und seine Kompetenz nicht in Frage gestellt sehen.

Entscheidend für eine Begegnung zwischen Schüler und Lehrer auf Augenhöhe ist also, ob der Schüler, aber eben auch der Lehrer bereit ist, sich auch im Setting des Satsangs (aber ebenfalls überall sonst) in seiner ganzen Existenz zur Disposition zu stellen.

Ein solches Sich-Verstecken hinter dem Geben ist für den Lehrer überaus tragisch, schneidet er sich an dieser Stelle doch von der Lebendigkeit des Lebens ab.

Unterstützt wird jene Vermeidung des Sich-Existenziell-Zur-Disposition-Stellens seitens des Lehrers natürlich durch viele kulturelle und wirtschaftliche Faktoren in unserer Gesellschaft. So sind die bekannteren spirituellen Lehrer zur Verbreitung und Aufrechterhaltung ihrer Tätigkeit zahlreiche Verpflichtungen eingegangen. Diese kleinen Wirtschaftsbetriebe entpuppen sich als Hamsterrad, in dem man nun mal - ob erleuchtet oder nicht - einfach zu funktionieren hat. Auch in der spirituellen Szene ist man den Marktmechanismen unterworfen. Und schwuppdiwupp - der ichhafte Modus des Getrieben-Seins hat einen wieder.

Damit möchte ich bitte nicht gesagt haben, das wir es hier mit einem moralisch verwerflichen Verhalten zu tun haben. Vielmehr scheint es einfach Funktionszusammenänge zu geben, wo ein Aufgewachter genauso wie ein normal Sterblicher sich entscheiden muss, was er und um welchen Preis er etwas will.

Wie aber gehe ich als Schüler mit einem Lehrer um, der dann ja irgendwie doch auch so seine heftigen Filme zu haben scheint? Bedeutet Hingabe oder gar Hingabe an den Lehrer nicht, dass ich mich bemühe, alles was der Lehrer sagt und tut, als richtig, gut und vollständig anzunehmen?

Um dieses Gewebe von Haltung, Verhalten, Wünschen, Ängsten, Schutz und Hingabe grundlegender zu durchleuchten, ist es sehr erhellend, sich die Natur der Erscheinungen noch einmal vor Augen zu halten.


Als das im Nachhinein Beeindruckenste dieses ersten Augenblickes des Aufwachens habe ich die schlichte und friedliche Klarheit darüber in Erinnerung, dass nichts, also keine noch so kleine oder subtile Form der Wahrnehmung von irgendetwas existiert - reine Bewußtheit, ohne Raum, Zeit und Sein. Und es war dann in den darauf folgenden Stunden und Tagen äußerst faszinierend, wie die Welt und das Ich wieder langsam (lange bevor die ersten Gedanken wieder kamen) anfingen sich zusammen zu setzen.

Also, das Entscheidende daran ist, dass die Welt - oder genauer gesagt, alles was wahrgenommen wird - ausschließlich eine Projektion der Bewußtheit (die Du bist) ist. Denn Wahrnehmung und Projektion sind ein und derselbe Vorgang. Sie finden nicht etwa parallel zueinander statt, sondern sind miteinander identisch. Die reine Bewußtheit, manchmal auch Leere genannt, ist aber keine Alternative zur Welt oder Form.
Im Gegenteil, die Leere entfaltet sich als gleichzeitige Fülle durch die Form und ist jederzeit und überall in dieser zu finden.

Und der für uns jetzt in diesem Zusammenhang wichtige Punkt ist, dass Du als reine Bewußtheit ontologisch gesehen gleichzeitig mit der Projektion/Wahrnehmung der Form eine bestimmte Verhaftung, also den Wunsch kreierst, diese Form auch zu erfahren.

Dieser Wunsch, man könnte ihn Urwunsch nennen, ist bei allem was Du wahrnimmst sozusagen automatisch da. Dieser Urwunsch wird manchmal in seiner Summe als spiritueller Sog bezeichnet. Gibt man Ihm genügend Raum, sich zu entfalten, so wird das, was gerade ist, vollständig erfahren. Dies geht dann mit der Lebendigkeit und Glückseligkeit reiner Bewußtheit, also einem klaren Erkennen, einher.

Schauen wir uns unter dem Fokus dieses Funktionszusammenhanges nun beispielsweise einen spirituellen Lehrer aus der Sicht eines Schüles an, so bedeutet Hingabe an den Lehrer nichts anderes, als dass das, was ich als Schüler an diesem Lehrer wahrnehme auch genauso erleben möchte (Urwunsch). Ganz unabhängig davon, ob der Lehrer nun Recht hat oder nicht. Entscheidend ist Deine innere Bereitschaft, die energetische Qualität der Situation vollständig zu erfahren. Und erst dann, wenn dies wirklich zu 100% geschehen ist, wirst Du erkennen, was das für Dich bedeutet und welche Handlung von Dir auf der Verhaltensebene ansteht.

Oft erscheint der Impuls, dem Urwunsch der direkten Erfahrung (bspw. mittels mentaler Beschäftigung mit dem Für und Wider, der Berechtigung und Bedeutung etc.), des situativ bedingten energetischen Potentials, zu entgehen, als einfach verführerisch, gewohnt und übermächtig. Aber gerade hier, mit dem Lehrer wäre dann aber eine wichtige Chance vertan, sich bspw. von symbiotischen Mustern zu lösen.

Andererseits wenn’s nicht stört, kannst Du Dich natürlich auch entspannt zurücklehnen.
Denn wie es scheint, solange Du vor der direkten Erfahrung fortläufst, geht sie Dir ja nicht verloren, die Wiederholung der Wiederholung.

Zum Thema das u.a. Video-Interview (v. Jetzt-TV) mit Romen zu den Themen:
Das Buch zur Vorbereitung des Kongresses: „Erleuchtung – Phänomen und Mythos“ – mit den sehr individuellen und ehrlichen Beiträgen aller Lehrer darüber, wie die Wahrheit sich entfaltet; Entmystifizierung des Phänomens Erleuchtung; Aussicht auf weitere Veranstaltungen durch das Forum Erleuchtung; ideologiefreie und von Machtmechanismen freie Diskussion; Integration der Arbeit für den Kongress in Romens Leben; radikales Dienen und stärkere Verbindlichkeit; Bewusstseinstransfromation jenseits von Eso-Stars; die Erkenntnis unter den spirituellen Lehrern bei Kongress: „Nicht nur Zahnärzte haben Kollegen“
 

Flash ist Pflicht!

Romen Banerjee im Interview mit Jetzt-TV